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»Seid einfach ihr selbst!«
Wie wird man vom Krebsforscher in Harvard zum Personalstrategen der Deutschen Bahn? Drei Personalchefs erzählen von ihren eigenen Bewerbunsgesprächen
Berufsanfänger glauben, ihre Chefs waren immer schon so: abgebrüht, selbstsicher, nicht aus der Ruhe zu bringen. Das ist natürlich Quatsch. Auch Chefs waren einmal jung und unerfahren und nervös. Meine erste Bewerbung werde ich nie vergessen. BASF lud mich zum Vorstellungsgespräch nach Ludwigshafen. Ich forschte in Kalifornien als Postdoc in Chemie, war aber für einige Wochen in Deutschland. In Bonn hatte ich studiert, in Zürich in Organischer Chemie promoviert. Am Abend vor dem Gespräch war ich schrecklich aufgeregt. BASF bringt alle Bewerber in einem firmeneigenen Hotel unter. Sie sollen einen Tag vor dem Auswahlverfahren anreisen und ausgeschlafen sein. Ich aber konnte nicht einschlafen. Also ging ich spazieren. Ziellos streifte ich nachts durch Ludwigshafen. Ich kannte mich nicht aus und landete in der dunkelsten Ecke der Stadt. Ich fand Ludwigshafen hässlich. Aber das hat mir geholfen! Vielleicht, dachte ich, wäre eine Absage von BASF doch nicht so schlimm. Bei dem Auswahlverfahren am nächsten Tag war ich verhältnismäßig entspannt. Vor einer zwölfköpfigen Jury musste ich über Organische Chemie referieren. Auf diesem Gebiet war ich firm. Da störte es mich nicht, dass mir ausschließlich BASF-Experten, allesamt Koryphäen in ihrem Fach, gegenübersaßen. Ganz im Gegenteil: Ich begriff es als Ehre, mich mit diesen Menschen austauschen zu dürfen. Das ist ein Rat, den ich allen Bewerbern gebe: Seht so ein Auswahlverfahren auch als Chance, mit erfahrenen und klugen Leuten ins Gespräch zu kommen. Mir jedenfalls hat diese Vorstellung sehr geholfen. Auf das Referat folgten sechs Einzelinterviews, mit Chemikern ebenso wie mit Wirtschaftswissenschaftlern. Ich hatte stets das Gefühl: Hier geht es darum zu diskutieren, nicht darum, bloßgestellt zu werden. Und so wurde ich von Gespräch zu Gespräch sicherer. Das Jobangebot von BASF kam noch am selben Tag. Als Chemikerin fing ich in der Forschung an. Das war toll, aber ich wusste auch: einen Job, ein Leben lang – will ich nicht. Mich reizt die Herausforderung, unbekanntes Terrain zu erobern. Nach drei Jahren Forschung wechselte ich in die Öffentlichkeitsarbeit. Vor einem Jahr ergab sich dann die Chance, Leiterin für Personalbeschaffung- und entwicklung zu werden. Ich sagte zu. Mittlerweile habe ich auch schöne Ecken in Ludwigshafen entdeckt. Wenn ich verängstigten Bewerbern gegenübersitze, würde ich ihnen gerne zurufen: »Traut euch! Seid einfach ihr selbst. Und denkt daran – auch ich habe mich irgendwann einmal beworben.« Friedhelm Jacobs, 56, ist seit 14 Jahren Personalchef des Musikkonzerns SonyBMG Meine Welt waren Achtzylinder, Direkteinspritzer, Mehrfachvergaser. Karriere? Und wenn schon. Ich wollte Mofas tunen und an Wagen schrauben. Nach dem Realschulabschluss begann ich in Oldenburg eine Kfz-Mechaniker-Lehre. Doch ich spürte bald: Unter Autos zu liegen kann nicht alles sein. Also holte ich an einer Wirtschaftsakademie das Abitur nach und studierte BWL. Meine Doktorarbeit schrieb ich über Lobbygruppen und ihre Macht. Mit 28 Jahren bewarb ich mich bei Bertelsmann in Gütersloh. Nach dem Vorstellungsgespräch sollte ich ein Referat halten. Mein Thema: Die Macht der Lobbyisten. Ich war nicht nur motiviert, ich war übermotiviert. Ich brannte. In das Referat packte ich alles: abseitige Theorien, Pathos, die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft. Nach dem Vortrag meinte ein Bertelsmann-Personaler, ich hätte besser über heimische Singvögel referiert. Den Job bekam ich dennoch; offenbar hatte ich in dem Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck hinterlassen. Aus dem Referat habe ich Folgendes gelernt: Ein Unternehmen ist keine Universität. Es geht bei einer Präsentation nicht darum, ein Thema bis in seine letzten theoretischen Verästelungen zu durchdringen. Lösungen sind gefragt, knappe und schlüssige Botschaften. Für Bertelsmann arbeitete ich zwei Jahre lang in New York. Das war eine intensive, sehr lehrreiche Zeit. In einem kleinen Team entwickelten wir neue Personalsysteme. Das heißt, wie muss ein Unternehmen aufgebaut sein, um effizient wirtschaften zu können? Wie wird Teamarbeit organisiert? In den USA habe ich gelernt, wie man sich und andere motiviert. Davon profitiere ich noch heute. Seit 14 Jahren bin ich nun Personalchef bei der SonyBMG, einer Tochterfirma von Bertelsmann und Sony. Die Arbeit macht Spaß, aber sie ist härter geworden. Die gesamte Musikbranche steckt in einer schweren Krise. Raubkopien und illegale Downloads machen uns zu schaffen. Den wirtschaftlichen Druck bekommen auch Bewerber zu spüren. SonyBMG stellt zurzeit kaum mehr junge Leute ein. Wer einen Job will, muss sich verkaufen können. Ego-Marketing wird immer wichtiger. Hinzu kommt Ausdauer. Die Kunst ist, den Spagat zwischen Showtime und Ökonomie zu schaffen; abends auf die After-Show-Party zu gehen und am nächsten Morgen mit Künstlern zu verhandeln. Dafür braucht es Disziplin. Auch wenn viele das nicht glauben wollen. Matthias Afting, 36, ist seit April Leiter Personalstrategie bei der Deutschen Bahn Vor zehn Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal bei der Deutschen Bahn arbeiten würde. Von meinem Berufsweg hatte ich eine klare Vorstellung: Ich wollte Chefarzt werden. Nach meinem Medizinstudium in Homburg und Paris arbeitete ich als Hämatologe an der Klinik Freiburg und forschte später an der Harvard University über Gentherapie und Krebs. Noch in Harvard habe ich das Angebot angenommen, als Unternehmensberater zu McKinsey nach Deutschland zu gehen. Das war eine gute Entscheidung, denn auch dort habe ich die beiden Dinge gefunden, die mich am Beruf des Arztes immer fasziniert hatten: Mit bisweilen sehr emotional belegten Problemen umzugehen und dafür kreative neue Lösungen zu finden. Meine Arbeit in der Krebsklinik hat mir beispielsweise sehr geholfen, mit Menschen in schwierigen Situationen zu kommunizieren. Diese Erfahrung werte ich mittlerweile höher als dezidierte ökonomische Kenntnisse, bei denen ich zunächst Nachholbedarf hatte. Denn Betriebswirtschaft kann man erlernen. Bei McKinsey habe ich zunächst die Pharma- und Gesundheitsbranche betreut. Mehr und mehr wurde ich mit Projekten bei der Deutschen Bahn betraut, die sich gerade mitten im Sanierungsprozess befand. Wie Management und Mitarbeiter diese Herausforderungen meistern, hat mich tief beeindruckt. In diesem April bin ich als Leiter der Personalstrategie zur Deutschen Bahn gewechselt und berichte direkt an den Personalvorstand. Meine Aufgabe ist beispielsweise, im Personalressort die zunehmende Internationalisierung der Bahn nach dem Kauf des weltweit tätigen Logistikdienstleisters Schenker und des US-amerikanischen Logistikdienstleisters Bax Global zu managen. Hier kommen völlig neue Herausforderungen auf das bisher überwiegend in Deutschland tätige Unternehmen und seine Mitarbeiter zu. Mir bereitet die Tätigkeit bei der Deutschen Bahn viel Freude, und ich finde vieles wieder, was mich auch am Beruf des Arztes fasziniert hat. Ich finde, man soll immer das tun, was einem Spaß macht, das ist das Wichtigste. Dann kommt die Leistung, und dann kommen auch die Möglichkeiten. Und selbst wenn Letztere nicht kommen, so bleibt doch der Spaß an der Arbeit, und auf den kommt es schließlich an. Aufgezeichnet von Manuel J. Hartung und Maximilian Popp © DIE ZEIT, 3.8.2006 Quelle: www.zeit.de « Zurück zur Übersicht |
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